
Wenn Algorithmen dein Leben bewerten
Scoring bedeutet: Du bekommst eine Bewertung. Von einem Algorithmus. Automatisch. Und dieser Score hat plötzlich großen Einfluss auf dein Leben. Ob du ein Smartphone bekommen oder ein Abo abschließen darfst, liegt dann nicht mehr in deiner Hand.
Hast du deine Rechnungen immer pünktlich bezahlt? Bist du schon mal zu zweit auf dem E-Roller erwischt worden? Gießt du bei deinen Nachbarn die Blumen, während sie im Urlaub sind? All das sind Daten, die theoretisch in einen Score einfließen könnten. Also eine Zahl, die bestimmen soll, wie zuverlässig oder sozial du bist. Einige dieser Daten werden bereits erhoben. Andere sind zum Glück im Bereich der Science-Fiction. Wir erklären dir, wo Scoring heute schon Realität ist – vielleicht sogar, ohne dass du davon weißt. Und was es für dich bedeutet, wenn solche Systeme in Zukunft überall möglich wären.

Die SCHUFA: Scoring made in Germany
Kennst du die SCHUFA? Die Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung (so der ursprüngliche Name) sammelt Daten darüber, wie gut Menschen mit Geld umgehen. Also, ob sie Mahnungen begleichen, Kredite zurückzahlen oder Verträge einhalten. Daraus errechnet sich dein SCHUFA-Score – und der ist wichtig. Wenn du deine erste Wohnung mieten willst, wird zuerst die SCHUFA befragt. Ist dein Score zu niedrig, musst du weiter bei deinen Eltern wohnen.
Was viele nicht wissen: Die SCHUFA ist kein öffentliches Organ, sondern eine private Firma mit Sitz in Wiesbaden. Und der Algorithmus zur Bestimmung des Scores ist in großen Teilen geheim. Sprich: Du kannst nicht sicher sein, welche Faktoren darin einfließen oder wie sie bewertet werden. Die SCHUFA ist auf dem Markt übrigens nicht allein: Auskunfteien wie CRIF, Boniversum oder Infoscore arbeiten ähnlich.
Versichert nur bei gutem Verhalten
Auch anderswo kommen in Deutschland Scoring-Systeme zum Einsatz. Stell dir vor, du hast endlich deinen Führerschein und auch dein erstes eigenes Auto. Grenzenlose Freiheit erwartet dich – aber stopp: erst brauchst du eine Versicherung. Viele Kfz-Versicherungen bieten sogenannte Telematik-Tarife an – zu günstigen Preisen. Dazu musst du eine App oder Box im Auto installieren und die zeichnet dein Fahrverhalten auf. Wenn du stark bremst oder häufig nachts fährst, kann die Versicherung teurer werden. Fährst du stets „brav“, wirst du belohnt.
Auch Krankenversicherungen setzen mittlerweile auf ähnliche Modelle. Wenn du einen Fitnesstracker benutzt oder dich aktiv um deine Gesundheit kümmerst, gibt es Punkte oder Rabatte. Noch gibt es keinen Score wie bei der SCHUFA, aber auch hier wird dein Verhalten beobachtet und belohnt – oder eben bestraft. Überlege dir also gut, ob du deine Daten preisgeben möchtest.
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China scores: Der Staat sieht alles
Im größten Land Asiens ist man beim Thema Scoring schon viel weiter: Die Volksrepublik China arbeitet seit einiger Zeit an einem Sozialkreditsystem. In einigen Städten laufen bereits Pilotprojekte. Die Idee dahinter ist einfach: Die Bürger:innen sollen für gutes Verhalten belohnt und für schlechtes bestraft werden. Was „gut“ und was „schlecht“ ist, entscheidet in China der Staat. Ziel ist eine harmonische Gesellschaft, ganz im Sinne der Parteiführung.
In einer Version dieses Systems starten alle bei 1.000 Punkten. Wer regelmäßig Blut spendet, ältere Familienmitglieder pflegt oder wohltätige Arbeit leistet, sammelt fleißig Punkte. Wer bei Rot über die Ampel geht, seine Eltern nicht regelmäßig besucht und sich auf Sina Weibo oder anderen sozialen Medien kritisch über die Regierung äußert, stürzt schnell ins Bodenlose. Zur Strafe darf man dann vielleicht keinen Flug mehr buchen oder wird vom Fernverkehr ausgeschlossen.
Alles nur Science Fiction?
Science-Fiction zeichnet die Zukunft oft sehr dramatisch. Und sie zeigt recht deutlich, was passieren könnte, wenn wir nicht vorsichtig sind. In der bekannten Black Mirror-Folge „Nosedive“ lebt die Hauptfigur Lacie in einer Welt, in der jeder Mensch jeden bewertet. Lacie startet mit einem guten Score und möchte diesen verbessern. Eine Bewertung von 4,8 in der App, die alle benutzen, und sie darf in ein luxuriöses Wohnviertel ziehen. Also hält sie eine Rede auf einer Hochzeit – doch die kommt gar nicht gut an. Die schlechten Bewertungen trudeln ein und schnell fällt ihr Score. Am Ende der Folge wird sie aus diversen Läden geworfen, verliert ihren Job und landet im Gefängnis. Eine ähnliche Realität zeigt Marc-Uwe Klings “Qualityland”. Auch dort werden Menschen beurteilt und ihr sozialer Stand wird in Punkten ermittelt und dargestellt.
Auch Filme wie „The Circle“, „Anon“ oder „Upload“ zeichnen ein düsteres Bild: Wenn Bewertungssysteme unser Leben bestimmen, verlieren wir die Kontrolle darüber.
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Doch Realität durch Social Media?
Doch auch ohne großes Science-Fiction-Scenario lassen wir uns schon durch Algorithmen lenken. Auf Social Media werden auch jetzt schon Posts bewertet und gepuscht, je nachdem, wie es dem Algorithmus gefällt. Dabei kann es auch zu politischer Beeinflussung kommen. Auf Twitter (X) spricht man zum Beispiel von einem "Shadow Ban". Das bedeutet, dass Posts zum Beispiel aufgrund von unliebsamen politischen Botschaften weniger angezeigt werden und so kaum Aufrufe generieren.
Solche Algorithmen sorgen dafür, dass sich Content und Berichterstattung sehr an die vom Algorithmus gewollten Inhalte angleichen. Dadurch wird der Diskurs sehr eintönig und teilweise stark verfälscht.
Wie ist das rechtlich?
Ist Scoring, wie es etwa die SCHUFA betreibt, überhaupt erlaubt? Ja, sagt der Europäische Gerichtshof – aber nur unter bestimmten Voraussetzungen. Die Daten dürfen nur für den angegebenen Zweck verwendet werden (also z. B. eine Kreditprüfung) und die Menschen müssen über die Datenerhebung informiert werden. Außerdem schreibt Artikel 22 der DSGVO vor, dass man nicht automatisch nur aufgrund eines schlechten Scores abgelehnt werden darf – im Zweifel muss ein Mensch noch einmal darauf schauen. Systeme mit gesellschaftlichen Konsequenzen wie in China oder Science-Fiction-Filmen verstoßen gegen unser Grundgesetz: denn die Würde des Menschen ist unantastbar. Doch vieles, was dazwischenliegt, befindet sich in einer rechtlichen Grauzone.

Du kannst deinen Score bei diversen Scoring-Agenturen abfragen. Hier steht, wie das geht:
Telematik-Tarife oder Gesundheitsleistungen-Boni sind freiwillig. Wähle im Zweifel den klassischen Tarif ohne Tracking.
Je weniger private Daten du in die Welt gibst, desto schwerer kann man dich bewerten. Überleg dir vielleicht, ob du wirklich an dem Gewinnspiel teilnehmen willst!

