Mediensucht: wenn Medien zu Droge werden

Ein Handy angekettet in einer Hand mit Ketten und Handschellen mit offenem Spiel ud Social Media mit Freunden
KI generiert, canva.com

„Du hängst ständig nur noch am Handy!“ Kommt dir dieser Satz bekannt vor? Tatsächlich machen Games, Social Media und Streaming Spaß und dienen der Unterhaltung, dem Austausch mit der ganzen Welt und mittlerweile auch der Informationsbeschaffung über das Weltgeschehen. Das Problem: Apps und Spiele sind oft so konzipiert, dass sie schnell Glücksgefühle auslösen. Man will „nur kurz“ reinschauen, ein Reel checken oder nur ein Level spielen und plötzlich verfliegen Stunden. Heißt das aber, dass man schon abhängig ist? Und welche Rolle spielen dabei deine Daten?

Medienabhängigkeit bedeutet nicht, einfach nur viel Bildschirmzeit zu haben. Es kann ein Anzeichen sein, ist aber allein nicht aussagekräftig. Ab wann spricht man aber vom exzessiven (sehr hohen) Medienkonsum oder sogar von Mediensucht? Entscheidend ist, ob man noch die Kontrolle über die eigene Nutzung hat. Problematisch wird es, wenn schulische Pflichten, Hobbys, Freunde oder der Schlaf vernachlässigt werden, man ohne Handy unruhig oder gereizt ist und trotzdem weitermacht, obwohl man merkt, dass es einem nicht gut tut. Warnzeichen sind zum Beispiel Stimmungsschwankungen, der Drang, die Apps ständig zu checken, Stress ohne Handy in der Nähe, Lügen über die Nutzungszeit oder der Rückzug aus dem echten Leben. Wenn zusätzlich Gründe wie Einsamkeit, Stress, Depression, Mobbing, geringes Selbstwertgefühl, Misserfolge, Ängste oder schwierige Lebenssituationen eine Rolle spielen, kann die Person noch stärker betroffen sein und schneller in die Mediensucht “hineinrutschen”. Man sucht nach einer Ablenkung, Spaß oder Anerkennung und Bestätigung. Das scheint die digitale Welt in dem Moment zu bieten. 

Suchtfördernde Dark Patterns

Hinzu kommt, dass viele Apps gezielt Dark Patterns programmieren und nutzen, um dich länger zu fesseln. Sie bewirken, dass du bald wiederkommst. Dark Patterns sind manipulative Tricks, bestimmt kennst du auch einige: Push-Nachrichten, Endlos-Videos, For-You-Pages, Glücksräder, Streaks oder Belohnungen. Solche Mechanismen können die Entwicklung von Mediensucht begünstigen. Umso wichtiger ist es, achtsam mit deiner Medienzeit umzugehen.

Falls du noch nicht genau weißt, was genau Dark Patterns sind, hier eine genauere Erklärung. Time Patterns geben dir das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn du nicht online bist, z. B. Endlos-Feeds, Autoplay, zeitlich begrenzte Events und Geschenke. Social Patterns verstärken über Likes, Kommentare, Gruppendruck oder Streaks (wie die Flammen bei Snapchat) die Bindung an andere und an die App. Money Patterns sollen dich durch In-App-Käufe, Abos oder exklusive Inhalte zum Geldausgeben bringen. 

Hier noch ein paar Beispiele von Dark Patterns:

Social Patterns:
Likes, Shares, Comments, Lesebestätigungen, Streaks („Flammen“ bei Snapchat), aktives Vorschlagen neuer Kontakte, Vergleiche, Rankings, parasoziale Beziehungen und Teambattles

Time Patterns:
Pull-to-Refresh, FOMO, Push-Notifications, Algorithmen und Personalisierung (For You Page bei TikTok), Gamification: Rätsel, Glücksrad, Quest, Algorithmus-basierte Empfehlungen, Unendlichkeit, Autoplay, automatische Vorschau, Cliffhanger, begrenzt verfügbare Inhalte und Events, tägliche Belohnungen, unerwartete Belohnungen (Glücksrad), Geschenke, Open-World & Open-End, endlose To-Do-Liste, Sammlungen

Money Patterns:
Werbung, Produktplazierungen, Influencer:innen Marketing, In-App-Shopping, pay wall für Inhalte (Bezahlschranke), komplizierte Kündigung, free2play aber pay2win, Lootboxen, virtuelle Währung & Handel, zeitlicher Druck bei Kaufentscheidungen

Diese Effekte, Belohnungen und Sounds sorgen dafür, dass Dopamin - ein Glückshormon ausgeschüttet wird. So entsteht der Drang, immer wieder zurückzukommen. Diese Mechanismen wurden auch schon etwa beim Lernen, beim Sport, bei der Gesundheit oder beim Online-Shopping usw.übernommen. Diese Ideen und manipulativen Designs kommen ursprünglich aus dem Werbe- und Marketingbereich, als Verbesserung der Benutzerfreundlichkeit - so genannte Usability. Das Ziel ist, Apps spannender zu gestalten und Menschen stärker zu binden. Gleichzeitig jedoch, steigt durch das Belohnungssystem im Gehirn das Suchtpotenzial. 

Genau auf dich zugeschnitten – deine Daten als Grundlage

Welche Rolle spielen bei den Dark Patterns deine Daten? Deine Vorlieben werden gesammelt und helfen dabei, dich länger auf den Plattformen zu halten. Während der ganzen Zeit sammeln die Anbieter Daten über die Nutzenden, die sie aus der vergangenen digitalen Datenspur auslesen, um noch genauer zugeschnittene und personalisierte Online-Erlebnisse zu gestalten. Allein dadurch, was du anschaust, likest und suchst, entsteht deine individuelle „For You Page“ (FYP) bei jeder Plattform und sie wissen ziemlich viel über dich. Sie schauen auch, wie du die Apps nutzt, um sie noch mehr zu verbessern. Sie zielen darauf ab, deine Onlinezeiten zu erhöhen. Auch Dark Patterns oder algorithmusbasierte Empfehlungen gehen auf deine Daten zurück. So sollst du dich wie in deiner eigenen Welt fühlen und immer wieder zurückkommen. Eine weitere Gefahr neben dem Suchtverhalten ist, dass du wegen der Personalisierung und Profilierung in ein Rabbit Hole hineinrutschst oder dich in deiner Filterblase verfängst. Warum ist es kritisch? Weil die körperlichen und geistigen Entwicklungen von jungen Menschen bezüglich der Identitätssuche noch nicht abgeschlossen sind und sie durch diese Mechanismen stark beeinflusst sein können. Dies wird auch den Plattformen vorgeworfen, dass sie damit die besondere Verantwortung für den Schutz der jungen Menschen verletzen und bei ihnen Suchtverhalten fördern. 

Was tun, wenn der Medienkonsum die Kontrolle übernimmt

Wichtig zu wissen: Medien lösen reale Probleme meist nicht, sondern können sie sogar verstärken. Mediennutzung ist okay und normal – kritisch wird sie dann, wenn sie das eigene Leben beherrscht. Auf sich selbst zu achten, über Gefühle zu sprechen und einen Ausgleich offline zu finden, hilft dabei, dass Medien Spaß machen und nicht zur Belastung werden.

Um Mediensucht vorzubeugen, ist es wichtig, bewusst mit Handy, Games und Social Media umzugehen und sich zu fragen, warum man so viel Zeit online verbringt. Sprich offen mit deinen Eltern und Freunden darüber, was dich fasziniert und was dir schwerfällt. Wenn es dir hilft, verabrede klare Nutzungszeiten mit deinen Eltern. Plane digitale Pausen, triff dich mit Freunden im echten Leben, treibe Sport oder geh Hobbys nach, die dir offline Spaß machen. Technische Hilfen wie Zeitlimits und „Digital Wellbeing“ können unterstützen. Wenn du merkst, dass du es allein nicht schaffst oder dir Sorgen machst, hol dir Hilfe oder Beratung – zum Beispiel bei Nummer gegen Kummer, JUUUPORT oder Mediensuchthilfe. Online-Tests können eine erste Orientierung geben, ersetzen aber keine professionelle Beratung.

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